„Scheitern dürfen ist der zentrale Ansatz“

Bonn, Mai 2020 – Agiles Lernen kann dazu beitragen, Schule neu zu denken. Ein guter Grund für Uta Eichborn, Oberstudienrätin an einem kaufmännischen Berufskolleg in Bonn, sich mit dem agilen Mindset im Kontext Lernen zu beschäftigen. Die Wirtschaftspädagogin unterrichtet seit 20 Jahren in Notebookklassen. Sie hat sich der Entwicklung innovativer Lehr- und Lernformate verschrieben und sich vor drei Jahren auf den Weg gemacht, agile Methoden im Unterricht einzuführen.

Was war Ihr Motiv, agile Methoden für schulische Projekte einzusetzen?

Uta Eichborn: Mit der Umsetzung des agilen Lernens wollten wir den Schülerinnen und Schülern mehr Freiheit bei der Lernorganisation und gleichzeitig mehr Verantwortung für ihr Lernen geben. Wir haben Fächer aufgelöst und arbeiten jetzt mehr in Projekten. Ein produktorientierter Arbeitsauftrag macht das Lernen relevanter und notwendiger, als konsumartiges Lernen. Die intrinsische Motivation wird gesteigert. Im Vorfeld hatten uns die Rückmeldungen ehemaliger SchülerInnen bestätigt, die besagten, dass das selbstständige Lernen eine der wichtigsten Fähigkeiten gewesen sei, die sie für ihren weiteren Berufsweg gebraucht hätten.

Was macht hier den agilen Weg besonders geeignet?

Uta Eichborn: Agiles Arbeiten, z. B. mit Scrum, ist in vielen Unternehmen die Antwort auf die digitale Transformation. Warum nicht auch in der Schule? Die agilen Prinzipien unterstützen sowohl Lehrende als auch Lernende dabei, Verantwortung für das Lernen, das Entscheiden und das Handeln zu übernehmen und stellen damit die persönliche Entwicklung in den Mittelpunkt. Als Rahmenwerk bietet Scrum in Form von festen Ereignissen, klaren Rollenverständnissen und einheitlich definierten Prozessdokumenten klare Strukturen. Diese geben allen Beteiligten Sicherheit.

Wo liegt für Sie das stärkste Argument für diesen Ansatz?

Uta Eichborn: Scheitern dürfen, das ist der zentrale Gedanke agiler Methoden. Eine Erfahrung, die wir nur selten in Schule zulassen, ist Scheitern doch zugleich mit schlechten Noten verbunden. Im Rahmenwerk Scrum prüft das Team nach jedem Sprint, was verbessert werden kann und vereinbart Maßnahmen zur Umsetzung erforderlicher Veränderungen. Das ist echtes Lernen.

Eines der fünf Ereignisse des Rahmenwerks Scrum ist das Sprint-Planning. Die Planung des nächsten Sprints beruht u.a. auf der Selbsteinschätzung des Teams. Geht es nach der gleichnamigen Studie von Hattie, Bildungsforscher und Professor an der australischen „University of Melbourne“, ist die Selbsteinschätzung des eigenen Lernniveaus der stärkste Faktor für erfolgreiches Lernen. Scrum kann helfen, diese Selbsteinschätzung in den Lernalltag zu integrieren und damit zu guten Lernerfolgen beitragen. 

Sie gehen offensichtlich einen für Schule ungewöhnlichen Weg. Mit welchen agilen Tools arbeiten Sie sonst noch? 

Uta Eichborn: Wir setzen auf Kanban, Scrum und Design Thinking. Mit Kanban haben wir beispielsweise eine Methode, die die SchülerInnen sowohl für sich persönlich, als auch für die Arbeit im Team in der Schule hervorragend einsetzen können. Sie können sie analog und digital anwenden. Damit bietet Kanban eine Vielfalt an Einsatzmöglichkeiten. Kanban ist ganz einfach zu verstehen und sofort umsetzbar. Nicht umsonst heißt eines der Prinzipien bei der Einführung von Kanban: Beginne mit dem, was Du gerade tust.

Hat die Zeit der Schule@Home die Verwendung solcher Methoden in Ihrem schulischen Kontext verändert?

Uta Eichborn: Tatsächlich habe ich in dieser Zeit ganz besonders gute Erfahrungen mit Kanban in gemacht. Die Lernenden haben zu Hause Aufgaben über die verschiedensten Kanäle zu unterschiedlichen Zeiten bekommen. Die ihnen bekannte Struktur des Stundenplans konnte nicht aufrechterhalten werden. Das führte oft zu Überforderung, wenn dann auch noch ein Abgabetermin im Blick behalten werden musste. Die Übertragung der Aufgaben auf das Kanban Board regt dazu an, dass sich die SchülerInnen die Aufgabenstellung noch einmal ganz bewusst machen. Die Einhaltung des Kanban Prinzips „stop starting – start finishing“ führt dazu, dass sie nicht jede Menge Aufgaben anfangen, sondern jede einzelne Aufgabe erst beenden, bevor sie sich einer neuen widmen. Die letzte Spalte „Done“ des Kanban-Boards dürfte für jede/n SchülerIn die schönste sein.  Rückblickend zu sehen, was man alles geschafft hat, hilft dabei zufrieden und auch ganz stolz darauf zu sein.  

Inwieweit könnten solche agile Methoden tatsächlich ein Patentrezept für Bildungskontexte sein?

Uta Eichborn: Tatsächlich würde ich es allen empfehlen. Zugleich ist das agile Lernen nicht für alle Lerninhalte geeignet – Buchführung z. B. lernt man so sicher nicht. Grundsätzlich ist es eine Haltungsfrage, ob man diese Methoden einsetzen möchte. Projektunterricht ist immer damit verbunden, den SchülerInnen Freiheiten zu geben, das bedeutet auch, mit Unsicherheiten und unvorhergesehenen Ereignissen umgehen zu können. Das fällt vielen LehrerInnen schwer, da sie es als Kontrollverlust empfinden. Daher ist es im Vorfeld wichtig, zu sehen, ob diese Haltung vorhanden ist. Der Rest ergibt sich dann von selbst.

Was bedeutet diese Haltungsänderung für das Selbstverständnis als LehrerIn?

Uta Eichborn: Die Art und Weise, wie wir lernen, hat sich im Zeitalter der Digitalisierung grundlegend verändert. Als Lehrende stehen wir vor neuen Herausforderungen. LehrerIn zu sein, heißt nicht mehr, nur Wissensvermittler zu sein. Die Weiterbildung, die mit der Einführung agiler Methoden stattfindet, bezieht sich nicht nur auf die Methoden an sich. Es geht um ein neues Mindset, eine offene Grundhaltung gegenüber allem Neuen. Nur wenn wir als Lehrende selbst in einen lebenslangen Lernprozess einsteigen, können wir diese Haltung glaubhaft unseren SchülerInnen vermitteln.

Das Interview durfte ich während der Schulschließung im Mai geben. Ihr könnt es auch unter https://www.checkpoint-elearning.com/schule/scheitern-duerfen-ist-der-zentrale-ansatz nachlesen.